Bei ihrer jährlichen „Alltagsheldinnen“-Kampagne brachte Thalia drei Expertinnen zusammen. Female-Leadership-Expertin Maren Wölfl, Momentum-Gründerin Barbara Blaha und Thalia-Geschäftsführerin Andrea Heumann diskutierten zum Weltfrauentag.
Das Thema: die wahren Kosten der Ungleichheit, strukturelle Hürden und konkrete Wege aus der Teilzeitfalle. Auf die unbequeme Frage „Wer zahlt die Rechnung für Gleichstellung?“ lautete die Antwort: Frauen zahlen mit Karriere, Gehalt und Pension. Unternehmen verlieren Talente. Die Gesellschaft verschenkt Potenzial.
Thalia beschäftigt in Österreich 895 Personen. 82 % sind Frauen. 53 % arbeiten Teilzeit. Die Herausforderungen kennt das Unternehmen aus erster Hand.
„Care-Arbeit ist nichts Abstraktes“, erklärt Geschäftsführerin Andrea Heumann. „Sie bestimmt konkret, wann jemand arbeiten kann.“
Der Handel ist Österreichs zweitgrößter Arbeitgeber. 71 % der Beschäftigten sind Frauen, 36 % arbeiten Teilzeit.
„Mit mehr Frauen in Führung wäre die Welt eine andere“
Female Leadership-Expertin Maren Wölfl legte Fakten auf den Tisch:
- Nur 13,8 % Frauen in Vorständen. Der Fortschritt stagniert.
- Keine der 54 Unternehmen im Wiener Börse Index hat eine Frau als CEO.
- 51 % der Frauen arbeiten Teilzeit. Die Folgen für Pension und finanzielle Unabhängigkeit sind katastrophal.
Wölfls zentrale Botschaft: „Frauen sollten nicht mehr als Störfaktor gesehen werden. Sie sind eine Bereicherung für jedes Team und jedes Unternehmen.“ Die Kompetenzen von Frauen müssen endlich gesehen und geschätzt werden. Von emotionaler Intelligenz bis Krisenmanagement. Studien belegen: Frauen schneiden in 13 von 19 Leadership-Skills besser ab. Friedensverhandlungen mit Frauen sind nachhaltiger.
Ihr zweiter Punkt: Das Narrativ guter Elternschaft muss sich ändern. „Aktuell sind gute Väter die Ernährer. Gute Mütter arbeiten in Teilzeit. In Zukunft sind gute Eltern gemeinsam verantwortlich. Für finanzielle Stabilität. Für Kinderbetreuung. Für den Haushalt.“
Gender-Pay-Gap ist kein Rechenfehler
Barbara Blaha brachte die Debatte auf die Systemebene. Sie ist Gründerin des Momentum Instituts und Autorin von „Funkenschwestern: Wie Feminismus alles besser macht“. Ihre Kernthese: „Der Arbeitsmarkt ist kein neutraler Ort. Er reproduziert aktiv Machtverhältnisse.“
Ihre drei Argumente:
- Der Arbeitsmarkt bevorzugt Männer: Frauen steigen bei gleicher Qualifikation mit niedrigeren Gehältern ein. Sie werden seltener befördert. Ihr Potenzial wird systematisch geringer eingeschätzt. Wechseln mehr Frauen in eine Branche, sinkt das Gehaltsniveau.
- Der „bereinigte“ Gender-Pay-Gap verschleiert das Problem: Es gibt die Faktoren Teilzeit, Branche, Führungsposition und Berufswahl. Wenn man diese Faktoren bereinigt rausrechnet, entsteht eine Einkommenslücke von 34 % im Jahreseinkommen und 12 % weniger/Stunde (Vollzeit). Mütter verdienen über ihr Erwerbsleben durchschnittlich 1 Million Euro weniger als Väter.
- Hausarbeit ist die größte Bremse: „Die Gleichstellung scheitert nicht an fehlender Qualifikation“, erklärt Blaha. “Sie scheitert an fehlender Zeit.” Frauen erledigen zwei Drittel der Hausarbeit, auch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten.
Am 5. März ging der Care-Arbeitsrechner des Momentum-Instituts online: www.carerechner.at. Er zeigt individuell, wie viel unbezahlte Arbeit man im Haushalt leistet und was das ökonomisch bedeutet.
Konkrete Beispiele aus der Praxis: Wo Teilzeitführung funktioniert
Andrea Heumann zeigte, was machbar ist. Und wo die Grenzen liegen. Erfolgsbeispiel: Eine Mitarbeiterin wurde während ihrer Lehre schwanger. Sie schloss die Lehre trotzdem ab. Sie kam nach der Karenz in Teilzeit zurück. Seit Oktober 2024 ist sie Filialleiterin mit 35 Wochenstunden.
„Das funktioniert, weil wir ein stabiles Team vor Ort haben“, erklärt Heumann. „Ohne Fluktuation und mit klaren Stellvertretungen.“
Die Herausforderung: kurzfristige Pflegeausfälle. „Eine Mitarbeiterin pflegt ihre Großmutter. Selbst mit Homeoffice und Teilzeit ist es schwierig, Job und Pflege zu vereinbaren. Im stationären Vertrieb mit Dienstplänen wäre das unmöglich.“
Der Ausblick
Alle drei Expertinnen sind sich einig: Gleichstellung ist machbar. Wenn alle Verantwortung übernehmen.
„Es braucht Mut zur Veränderung. Bei Männern und Frauen.“ – Maren Wölfl
„Individuelle Anstrengung stößt an Grenzen. Solange das System nicht mitspielt.“ – Barbara Blaha
„Unternehmen können planbare Dienstzeiten bieten und flexible Stundenmodelle. Was wir nicht lösen können, sind fehlende Kinderbetreuungsplätze und Pflegeangebote. Das ist Aufgabe der Politik.“ – Andrea Heumann
Mit dem Format „Thalia Lesezeichen“ bringt Thalia Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen, um Fragen zu stellen, die uns alle betreffen. Und Antworten zu finden, die weiterbringen.