Der „Kranichsteiner Literaturförderpreis“, der seit 2003 jährlich durch den Deutschen Literaturfonds an eine Autorin oder einen Autor unter 35 Jahren mit mindestens einer Buchveröffentlichung vergeben wird, geht in diesem Jahr an Sophia Merwald. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird am 26. November 2026 im Literarischen Colloquium Berlin vergeben.

„Das Romandebüt Sperrgut (2026) von Sophia Merwald ist ein den Einsamen zugeeignetes Buch. Erzählt wird darin, wie aus „unzivilisiertem Nichts“ – einer Brache in einem Gewerbegebiet, in der nichts als die Gewissheit wuchert – ein Schwarzbau entsteht: das Lusthansa, ein von Efeu befallenes Haus, eine Zuflucht vor allem für Frauen.
In sprichwörtlich schweren Zeiten, in denen die Dystopie eine der marktgängigsten literarischen Waren darstellt, entwirft Merwald die Utopie eines Gegenlebens an einem Gegenort mit Schankraum, Rutsche und Schlummerbier: Die Lusthansa-Erbauerin „Kristalloma“ leitet diese verschworene Gemeinschaft aus von der Mehrheitsgesellschaft Ausgespuckten. Ich-Erzählerin Stevie findet Unterschlupf bei ihr, stößt auf eine widerständige Geschichte des Lusthansa, die sie unmittelbar in die eigene Kindheit zurückführt. Zusammen mit ihrer Geliebten Maj tastet Stevie im Möglichkeitsraum des Lusthansa nach ihrer beider Risse und Wunden. Währenddessen verwandelt sich der Rand in ein geheimes Zentrum, das wiederum vom Rand bedroht wird. Denn auch hier gilt: kein Paradies ohne Regelbruch und Vertreibung.
Bei genauerer Betrachtung besteht die eigentliche Utopie jedoch nicht in dem auf keiner Karte aufzufindenden Ort, auch nicht in der ins Phantastische spielenden Fabel, sondern im Fabulieren selbst. Ein neuer Ton schleicht sich in die deutsche Gegenwartsprosa ein. Sperrgut ist ein Buch über die Lehre vom Widersetzen und vom Widersatz – einem bedauerlicherweise außer Gebrauch geratenen Wort. Über die Turmspringerin Maj heißt es einmal, sie spreche wie ein Knäuel, das nicht entwirrt werden will. Ähnliches lässt sich über die Sprache Merwalds sagen. Sie entlädt sich in unerhörten, ja nie gehörten Formulierungen, lauter Widersätzen, in denen der Text seinen Gegensinn frei entfaltet.
Mit Sperrgut zeichnet die Jury ein bemerkenswertes Debüt aus, in dem von der „Gleichzeitigkeit des Verlusts“ und der Erinnerung an jene Menschen erzählt wird, die man tief in sich verräumt hat; ein sprachmächtiges Lehrstück darüber, wie man seine Form findet und zugleich außer Fassung gerät.“ – Begründung der Jury

Der Jury gehören Maryam Aras, Matthias Kniep, Miriam Zeh an.

Sophia Merwald

Sophia Merwald, geboren 1998, studierte Journalistik sowie Film- und Medienkultur-Forschung und arbeitet als freie Journalistin. „Sperrgut“ (Ullstein) ist ihr erster Roman, für den sie bereits vor Erscheinen mit mehreren Preisen – u.a. dem Alfred-Döblin-Preis – ausgezeichnet wurde. Sie lebt und arbeitet in München.

„Kranichsteiner Literaturförderpreis“

Bis 2019 wurde der Preis durch eine öffentliche Wettbewerbslesung von drei Autor:innen mit anschließender Diskussion ermittelt. Seit 2020 erfolgt die Vergabe direkt durch eine Jury. Der Preis ist seit 2024 mit 10.000 Euro dotiert. Eine Bewerbung ist nicht möglich. – Deutscher Literaturfonds: Kranichsteiner Literaturförderpreis

 

Pressemitteilung Ullstein / Red.