Aus der Liste der Nominierten für den Tractatus 2026 entschied sich die Jury nach eingehender Diskussion für das Buch Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild (Carl Hanser Verlag )der deutschen Philosophin Maria Sibylla Lotter, die somit Tractatus-Preisträgerin 2026 ist. Ihr im März im Hanser Verlag publiziertes Werk fand starke mediale Resonanz, wobei die Autorin u. a. für ihren betont ausgewogenen Blick auf eine aufgeregte Debatte gelobt wird.
Mit ihrer scharfsinnigen Analyse historischer Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner Vielschichtigkeit auf den Grund.

„Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf drei Ebenen: Da ist die Autorität des Opfers, die es nahezu sakrosankt macht; da ist die insbesondere durch die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht; und da ist vor allem die „Therapiemoral“, die sich aus einer zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der Inferiorität zu fixieren.“ –  Jurybegründung

Maria-Sibylla Lotter

Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte Philosophie, Ethnologie und Religionswissenschaft in Freiburg, Berlin und St. Louis. Ihr Studium wurde vom Evangelischen Studienwerk Villigst gefördert. Von 1989 bis 1993 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin für Wissenschaftstheorie an der TU Berlin, wo sie 1994 mit einer Arbeit zur Sozialontologie Alfred North Whiteheads promovierte. Nach wissenschaftlichen und Lehrtätigkeiten an den Universitäten Heidelberg, Konstanz, Erlangen-Nürnberg und St. Gallen arbeitete sie, gefördert durch ein Habilitationsstipendium der DFG, über die kulturellen Voraussetzungen von Verantwortung und Personalität. 2010 habilitierte sie sich an der Universität Zürich. Es folgten Vertretungsprofessuren in Gießen, Stuttgart und Bochum.

Seit 2014 ist sie Professorin für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie war Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover (2011/12 und 2016/17) sowie 2018/19 am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) Bielefeld. Außerdem übersetzte sie Stanley Cavells Cities of Words ins Deutsche. Neben ihrer akademischen Arbeit schreibt sie regelmäßig Kolumnen für die Rheinische Post sowie Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit.

Lotters Forschungsschwerpunkte liegen in der praktischen Philosophie und der Ethik des Alltagslebens, der Sozialphilosophie und Kulturanthropologie sowie im Verhältnis von Philosophie und Kunst. Sie arbeitet über Schuld und Verantwortung, Rache und Vergebung, Lüge und Selbsttäuschung sowie über Meinungsverschiedenheiten und Streitkultur. Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem Verhältnis künstlerischer und theoretischer Formen der Welterschließung. Aktuell untersucht sie, wie die Erweiterung dichter moralischer Begriffe in wissenschaftlichen Kontexten auf gesellschaftliche Moral und Konflikte zurückwirkt.

Preisverleihung

Die Verleihung des mit 25.000 Euro dotierten Preises findet am 25. September 2026 beim 29. Philosophicum Lech statt. Unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“sind vom 22. bis 27. September 2026 namhafte Vortragende aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie benachbarten Disziplinen geladen, um die weitreichende Thematik aus unterschiedlichsten Blickwinkeln gegenwartsbezogen zu betrachten. Als ambitionierte Initiative zur Standortbestimmung in philosophisch und gesellschaftlich relevanten Diskursen entspricht der Tractatus ganz dem Selbstverständnis des Philosophicum Lech, das sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert als herausragender Ort intellektueller Auseinandersetzung etabliert hat. | www.philosophicum.com

 

Verein Philosophicum Lech / Red.